ARTIKEL 5 / 26

  Inhalt: 
  1 Heißt es brüllen. spiel nicht Flöte  (russisch)             
  2 Das Kamel sieht nur des anderen Höcker  (arabisch)                 
  3 Wasser in der Ferne löscht kein Feuer in der Nähe  (chinesisch)      
  4 Man wird nie zu alt zum Lernen  (schwedisch)        
  5 Wer sich des Wolfes will erwehren  finnisch)        
  6 Erst such' die Sache zu verstehen  (spanisch)        
  7 Es ist nichts so fein gesponnen  (deutsch)         
  8 Die Schlange braucht das Kriechen nicht zu lernen  (afrikanisch)      
  9 Der Fisch. den man nicht fängt. ist immer groß (chinesisch)     
10 Im Dunkeln werden alle Wege länger  (chinesisch)       
11 Wen die Schlange mal gebissen  (spanisch)        
12 In böser Zeit sind die Freunde weit  (polnisch)       
13 Der Zorn verkürzt das Leben  (lettisch)        
14 Alles verstehen. heißt alles verzeihen  (französisch)       
15 Rede wahr. dann aber sieh, dass du fortkommst  (serbisch)          
16 Mit nassem Holz lässt sich kein Feuer machen  (finnisch)      
17 Ein Hund fängt an zu bellen. und hundert stimmen ein (chinesisch)   
18 Irren ist menschlich  (lateinisch)     

2314 2314 (91.40 KB)    

 

Vorwort:
" Es lebt in Amerika ein Mensch ", soll Arnold Schoenberg einmal epigrammatisch gesagt haben. Er sprach dabei von dem Komponisten Charles Ives, der am Anfang des letzten Jahrhunderts amerikanische Volks- und Kirchenmelodien sogar sentimentalster Art "revolutionär" mit kühnen und oft scheinbar beziehungslosen Dissonanzen verfremdet hat. Charles Ives und Arnold Schoenberg sind tot.

 

Es fragt sich nun. ob es im Sinn des Schoenbergschen Ausspruchs auch später wieder in Amerika einen " Menschen " gab: Jemanden. womöglich auch einen Musiker, der unverkennbar amerikanisch in Herkunft. Lebensweise und Schaffen. zugleich menschlich bedeutend. und in weitestem Sinne "originell" war. Für die Passanten, die in den Straßen von New York auf den eigenartigen Menschen, der sich "MOONDOG" (Mondhund) nannte. gestoßen sind. ist diese Frage in der Tat bereits positiv beantwortet.

 

Moondog, der freundliche. bärtige. große Mann, der Blinde, der durch seine originelle Persönlichkeit. seine seltsame Kleidung die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich zieht und neugierige, interessante Passanten. darunter zahllose Touristen aus allen Teilen Amerikas und der Welt. mitten im bürokratischen Gedränge der Großstadt in witzige und weise Gespräche über Geschichte. Politik. Philosophie. Musik verwickelt der am Ende solcher Begegnungen dem Gesprächspartner anbietet. seine kleinen im Selbstverlag gedruckten Partituren zu betrachten und gegebenenfalls zu günstigem Preis als Souvenir mitzunehmen der denen, die an Musikpartituren weniger Interesse haben. andere Früchte seiner Phantasie anbietet. Sammlungen von Hunderten von prägnanten Aphorismen etwa. oder Manuskripte von Gedichten und Schauspielen der, wenn er gerade keine Besucher hat. jene ungeheure Konzentration ausübt. durch die er es fertig bringt. mitten im wohl lautesten Straßenverkehr der Welt in intimen oder epischen musikalischen Strukturen eine geistige Feilarbeit bis hin zur feinsten Ausgewogenheit aller Teile durchzuführen. - So entstanden schon Hunderte von Werken. Erst wenn er eine ganze Komposition im Kopf vollendet hat. notiert sie in musikalischer Blindenschrift mit Hilfe einen kleinen Knipsers. den er in seinem großen Jutesack immer bei sich trägt. Oft dauert es Monate. bis er jemanden findet, der dann die schriftliche Aufzeichnung unter strenger Kontrolle für ihn durchführt.

 

Vom Musikalischen her betrachtet. erfordert das " Phänomen " Moondog freilich eine Umdeutung der gängigen Auffassung von "Originalität". Denn es gibt in seinem Schaffen keinen einzelnen Grundzug, der als " revoluzionär " zu bezeichnen wäre. wie etwa kühne oder scheinbar beziehungslose Dissonanzen in der Art eines Charles Ives. Im Gegenteil, das Originelle, das sogar sehr Originelle, das Moondogs Schöpfungen innewohnt. entsteht allein aus der eigenartigen "Verschachtelung" von schon dagewesenen und sogar allgemein zugänglichen Elementen. Dementsprechend sieht sich Moondog selbst als "Klassiker". gar als Verteidiger der Tonalität - samt ihren. seiner Ansicht nach. noch nicht ausgeschöpften Möglichkeiten - gegen alle Formen der Atonalität. Bitonalität. Polytonalität. und der "Viertelton"-alität. Mit fester Überzeugung vertritt er überdies jene "Regeln" des strengen Kontrapunkts, die, wenn auch zum Teil erst nachträglich aus dem Studium alter Werke abstrahiert. heute weitgehend unser Verständnis vom Stil großer Renaissance-Musiker wie Palestrine und Josquin bestimmen. Im Sinne also der Tonalität und der strengen Satzweise ist für Moondog der Bereich des Klassischen - wie er es einmal ausgedrückt hat - "weder alt noch neu, sondern eine konstante Möglichkeit".

 

Wenn also Moondog noch mit rigoroser polyphoner Stimmführung und tonalen Harmonien komponiert. wie ist dann die für heutige Ohren noch bestechende Originalität seiner Werke zu erklären? Seine Musik bewegt sich. wie seit dem 14. Jahrhundert die Abendländische überhaupt. stets zugleich in den drei Dimensionen des Rhythmus, der Melodie und der Harmonie. Wiewohl er formal innerhalb der Grenzen althergebrachter strenger Gattungen wie Kanon und Chaconne  sich hält und wohl fühlt. bringt der intervallische Aufbau seiner Melodik doch eine ihm ganz eigene Mischung von oft volksliedhafter Schlichtheit und Symetrie mit Exotisch-wehmütigen und humorvoll-pikanten Bluestönen und anderen aus der heutigen Jazz- und Pop-Welt herrührenden Abweichungen vom Nur-Volksliedhaften oder von der reinen Modalität eines Palestrina. Solche Abweichungen prägen wiederum eine Harmonik, deren orthodoxe Funktionalität mit besonderen Moondog-spezifischen Ausdrucksfäbungen einher geht. Schließlich kommt in zweifacher Weise die rhythmische Dimension zu besonderen "Schwingen": zunächst auffallend, in den komplexen. eher aus Afrika als von Westen her-"wehenden" Schlagzeugbegleitungen einer großen Zahl seiner Werke, die auch meistens von ihm selbst auf eigenst erfunden Instrumenten. wie z.B, einer dreieckigen Trommel. musiziert werden oder. bei näherer Betrachtung vielleicht noch wichtiger. ist die Tatsache, dass seine reine Polyphonie oft ganz im Banne von exotischen Taktstrukturen wie z.B. 5/8 oder 7/2 stehen.

 

Welche Erfahrungen haben diese Persönlichkeiten geprägt?
Oft berichtet er selbst. von Besuchern gefragt. über sein Leben. Moondog - sein wirklicher Name ist Louis Hardin -  wurde 1916 als Sohn einen anglikanischen Pfarrers in einem Städtchen des Staates Kansas im Mittelwesten der USA geboren. Die mütterliche Linie stammt aus dem Schwarzwald. Bald zog die Familie Hardin in den fernen Westen nach Wyoming. Er erinnerte sich, dass er als Kind in einer Indianer-Reservation einem Häuptling namens "Gelbes Kalb" auf dem Schoß gesessen und zum "Sonnentanz" der Indianer die Trommel geschlagen habe.
Als Sechsjähriger ritt er. zusammen mit anderen Kindern. über Land zu seiner ersten Schule. Im Alter von 13. nachdem die Familie in den Mittelwesten zurück gekehrt war. spielt er im Schulorchester die Trommel. In Hurley (Missouri) traf ihn dann der große Schlag. als er. 16jährig. bei einer Dynamitexplosion, in deren Nähe er zufällig geriet, das Augenlicht verlor. Auf Sonderschulen in Missouri und Iowa lernte er die Blindenschrift. hörte auch zum ersten Mal klassische Musik und erhielt Unterricht in Geige. Klavier. Orgel. Gesang und Musiktheorie. Seine Begabung erregte Aufsehen, so dass er ein Stipendium bekam. welches ihm ermöglichte. sich im Memphis (Tennessee) fortgeschrittenen Studien zu widmen.
1943 kam er nach New York. wo ihm gestattet wurde, der Probenarbeit führender Musiker wie Arturo Toscanini. Artur Rodzinsky und Leonard Bernstein beizuwohnen.

 

Im Anschluss an seine formelle Schulung betrieb Louis Hardin dann autodidaktisch weitere musikalische. literarische und geschichtliche Studien. Schon aus erster intensiver Begegnung mit Bachs zweistimmigen Inventionen begann sich sein lebenslanges Engagement für Polyphonie zu entwickeln, das in seinen Kompositionen zum Ausdruck gelangt, der Ausbau seines Geschichtsbewusstseins führte zum Entwurf einer eigenen Tracht, deren Gepräge seiner Beziehung zur Welt der Ahnen entspricht.
Im Jahre 1947 nahm er den Spitznamen "Moondog" an, in Gedenken an einen Hund in Hurley (Missouri) der. wie er sagt. mehr als irgend ein anderer Hund den Mond angebellt habe. Auch die für ihn charakteristische und weithin bekannt gewordene Lebensweise muss sich in diesen Jahren entwickelt und gefestigt haben.
Vielleicht war Moondog in der Tat so etwas wie der "Ur-Hippie". Ein Vierteljahrhundert lebte er vornehmlich. mitunter monatelang ausschließlich auf den Straßen der Stadt New York. wo ihm noch mit 56 Jahren -körperlich abgehärtet und von der Polizei toleriert - nichts ausmachte. gelegentlich in schlechtestem Wetter unter bloßem "Sternenschutz" auf dem Asphalt zu schlafen. um dann tagsüber als Neu-Wikinger mit Umhang und Stab bestimmte Lieblingsecken der Metropole die verschiedensten Begegnungen mit den Passanten zu pflegen, die ihm durch Kauf seiner Werke und gelegentliche Hilfe das Leben ermöglichen.

 

Die Hauptgattungen der Moondogschen Musik sind Orchesterwerke. Klavier- sowie Kammermusik. Lange Zeit arbeitete er auch an einer Oper. Die Orchesterwerke zeigen in der Harmonik starken Einfluss aus dem 19. Jahrhundert, in der Instrumentation und Melodik aber einen besonders klaren (wiewohl sublimierten) Bezug zum Jazz. Hier gibt es u.a, eine "Ode an die Venus", eine Benny Goodman gewidmete "Symphonique". und eine Lamentation zum Tode von Charlie Parker. zu dem Moondog eine persönliche Beziehung hatte.

 

Die Werke für Solo-Instrumente fallen in drei Hauptgruppen: die "Kunst des Kanons", in zwei Bände mit je 25 zweistimmigen Stücken in allen Dur- und Moll-Tonarten. für beliebige Tasteninstrumente: die Kanons und Chaconnes für Troubadour-Harfe "Der große Kanon", ein Klavierwerk von etwa 20 Minuten Länge und einigem Beethoven-Bezug (nicht nur im Titel!). Die wohl bisher umfangreichste Gattung bilden aber die vielen Sammlungen von Moondogs "Madrigalen". Jeder Band - es gibt über 11 davon - besteht aus 25 Kanons, in allen Tonarten. für jeweils drei bis sieben Stimmen. Hier zeigt sich am stärksten die musikalische Beziehung Moondogs zur englischen und kontinentalen Renaissance. ohne das aber die anderen für ihn charakteristischen Merkmale fehlten. Diese Madrigale eignen sich zur Aufführung als Kammermusik in den verschiedensten vokalen und vokal-instrumentalen Kombination.
Interessant ist, dass Moondog die Texte, die rein weltlich sind. erst nach der Musik. dann aber spezifisch für die jeweilige Komposition erfindet. In ihrer Lebensfreude. ihrem sanften Humor. ihrer weisen Jugendlichkeit und den treffenden Pointen bilden sie eine Einheit mit der Gedanken- und Erfahrungswelt seiner Aphorismen.

 

Eine Ausnahme. was die Entstehung der Texte betrifft. bilden die hier vorgelegten "Spruchweisheiten aus aller Welt". Diese wurden ihm von Horst Schubert (dem Auftraggeber und Verleger dieses kleinen Heftes) vorgegeben und stammen aus einer Sammlung , die Heinz Lemmermann im Verlag Goldmann herausgegeben hatte. Dies war zwischen Moondog und Horst Schubert in Hamburg anlässlich eines Konzertes in der alten "Hamburger Fabrik" Anfang der Siebziger verabredet worden.

 

1974 entschloss sich Moondog, in Deutschland zu bleiben. wo er bis zu seinem Tode im September 1999 lebte.

 

 Paul Jordan
 Horst Schubert

 

Moondog (Louis Hardin)

18 Kanons von Louis Hardin


Bestell-Nr.: eres 2314
inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten.
 
Medien
 
Angebote
 
 

Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch:

Home | Kontakt | Links | Impressum | AGB | Versand und Kosten | NICHT-EU Versand und Zölle | Zahlungshinweise | Datenschutz
Warenkorb | Konto | Merkzettel
*: inkl. MwSt.,zzgl. Versandkosten.