ARTIKEL 1 / 13

Abgebildete Kirchen, beschriebene Orgeln (einschließlich aller Dispositionen) und Details:

Johanniskirche Tallinn
Karlskirche Tallinn
Nicolaikirche Tallinn
Heiliggeistkirche Tallinn
Domkirche Tallinn
Nõmme Rahu Tallinn
Harju-Madise
Järva-Madise
Kihelkonna
Kolga-Jaani
Kullamaa
Nõo
Otepää
Elisabethkirche Pärnu
Paide
Pilistvere
Põltsamaa
Simua
Suure-Jaani
Urvaste
Valga Jaani
Vigala
Paulskirche Viljandi
Võnnu
Hausorgeln

Es existierten nachweislich schon in der Ordenszeit (14. - 15. Jahrhundert) wertvolle Orgeln in den größeren Hansestädten Livlands, doch hatten diese Instrumente aufgrund ihrer isolierten Stellung in der katholischen Liturgie eine untergeordnete Funktion.
Die ersten Informationen über Orgeln und Organisten in Estland stammen aus den Jahren 1329 und 1341. Aus der Chronik ("Liv.-Estn. und Kurländische Urkundenbuch, 2. Band, 1301-1361 Reval 1855) geht hervor, dass die heidnischen Litauer während eines Plünderzuges Orgeln in den Kirchen zu "Paistu" und "Helme" zerstört und die Orgelpfeifen mitgenommen haben (1329). Einige Jahre später wird ein Organist erwähnt, der im Dienste einer Stadtkirche in Reval (Tallinn) stand (1341).
Diese zufälligen Erwähnungen bedeuten sicher nicht, dass Orgeln in den estnischen Gebieten des alten Nord Livland erst im 14. Jahrhundert bekannt waren. Die Christianisierung des Landes durch Deutsche und Dänen fand schon ein Jahrhundert früher statt. Aus diesem Grunde dürften die ersten Orgeln oder zumindest kleine Positiv-Orgeln bei den getauften Esten ab dieser Zeit vorhanden gewesen sein.
Die Orgel wurde von Deutschen nach Estland und Livland gebracht, die hauptsächlich auf dem Seewege von Nordwest- und Norddeutschland - von Gebieten mit entwickelter Orgelkultur - nach Alt-Livland kamen. Die ausländischen Orgelbauer sowie deren Gesellen und Lehrjungen aus den verschiedensten Hansestädten kamen oft ins Land, um Bestellungen der örtlichen Bischöfe der Bistümer Estland, Dorpat, Ösel-Wiek oder auch der Städte auszuführen. So ist bekannt, dss im Jahre 1439 ein Orgelmeister in Reval (Tallinn) eintraf, um neue Orgeln für die Kirchen, welche nach dem großen Brande (1433) schon wiederhergestellt waren, zu bauen. Vermutlich war dies Albrecht Orgelmaker, dessen Orgel in der Nikolaikirche (auf estnisch "Niguliste") im Jahre 1489 von Hermann Stüwe aus Wismar mit sechs Gehilfen völlig umgebaut wurde, so dss aus der ursprünglichen Orgel nur die alten Pfeifen übrig blieben. Die Nikolaikirche, die zur reichsten und größten Kirche der einflussreichen Hansestadt Reval (Tallinn) gehörte, hatte am Ende des 15. Jahrhunderts sogar drei Orgeln: eine an der Westwand, eine zweite im Chor und die dritte in der Antoniuskapelle.

Dank der günstigen geographischen Lage an den internationalen Seewegen wurde Alt-Livland durch den Transithandel reich. Vier Städte des estnischen Gebietes Alt-Livlands-Reval (Tallinn), Pernau (Pärnu), Dorpat (Tartu) und Fellin (Viljandi) wurden Mitglieder der Hanse und hatten die Möglichkeit, beträchtliche Summen für die Orgelbaukunst auszugeben.

Bald reichte die Hilfe der ausländischen Orgelbauer nicht mehr aus und mindestens einige ansässige Meister wurden schon im Mittelalter ausgebildet, der erste, der erwähnt wird, ist der Dominikanerpater Peter Schmidt, mit Beinamen "Orgelmaker", der zwischen 1502 -1524 bei den Revaler "Schwarzen Mönchen" (Dominikaner) war.

Die Reformation erreichte auch Alt-Livland und in der reformierten Kirche gewinnt Musik, insbesondere die Orgel- und Vokalmusik, eine neue Bedeutung. Hauptsächlich ist dies der Gemeindegesang mit Orgelbegleitung, und der Gottesdienst wird nun in der Muttersprache abgehalten. Die "Verweltlichung" der Kirche führte dazu, dass nicht nur während des Gottesdienstes musiziert wird, sondern auch Konzerte gegeben werden. Dabei waren neben den Organisten auch Stadtmusikanten, Kirchenchöre und Vokalsolisten tätig. Neue Orgelprospekte wurden neben Heiligenfiguren auch mit weltlichen Allegorien geschmückt. Zum Beispiel bekam die Orgel im Chorraum der Revaler Nikolaikirche eine Empore, die mit sieben holzgeschnitzten weiblichen Figuren dekoriert war (1639). In der Mitte stand "Frau Musica", auf beiden Seiten je drei weitere "Schöne", alle zum "artes liberales" (sieben freie Künste) gehörend.
Dank der engen Verbindung zu Norddeutschland und Schweden trifft man im 16. und 17. Jahrhundert in Reval, Dorpat, Narva und Pernau von dort eingewanderte Orgelbaumeister. So hat Bartold Fehoff 1585 für die Johanniskirche in Dorpat ein Positiv und 1588 für die Olaikirche in Reval eine Orgel mit 38 Registern gebaut. Da die protestantische Kirche in der Zeit der schwedischen Herrschaft in den baltischen Provinzen genau nach dem deutschen Vorbild gestaltet wurde, waren auch die Anforderungen, die an die Kirchenmusik und an die Organisten gestellt wurden, im allgemeinen gleich. Ein Organist mußte sein Musikinstrument selbst handhaben können, den Gemeindegesang begleiten und mit schönen Kompositionen seinem Volke dienen.
Die Spielkunst wurde oftmals im Ausland gelernt. So ließ der Organist der Revaler Heiliggeistkirche, Batholomäus Busbetzky (&dagger 1701), seine Söhne Ludwig (&dagger 1699) und Christian bei Buxtehude in Lübeck ausbilden. Zurückgekehrt tritt Ludwig die Organistenstelle in der "Deutschen Kirche" in Narva an (1687). Christian, der zweite Sohn, wird Organist an der "Nikolaikirche" in Reval. Ein weiterer Beleg für die hohe Orgelkultur, der aus Arensburg (Kuresaare) stammende Orgelspieler Johann Jakob Nordtmann wurde auch in Lübeck ausgebildet. Ihm wurde anschließend die Stelle als Domorganist in Lübeck angeboten und er nahm diesen Posten auch an.
Während der Nordischen Kriege (1700 -1721) wurden die (derzeit schwedischen) baltischen Provinzen von Russen erobert und deren Besitztümer geplündert, so auch viele Kirchen. Von den prächtigen Altären, Kanzeln und Orgeln blieb wenig erhalten. Besonders "notwendig" erschien es den Plünderern, metallene Gegenstände zu "konfiszieren" silbernes Abendmahlgeschirr, bronzene Kirchenglocken, Leuchter und zinnerne Orgelpfeifen. Daher ist es kein Wunder, dass in ganz Estland nur eine einzige Orgel aus der Zeit vor der russischen Eroberung erhalten geblieben ist: die Orgel der kleinen Kirche zu Mänspä auf der Insel Hüumäa (Dagö), etwa zwischen 1700 und 1710 von einem unbekannten Orgelbauer angefertigt.
Nach dem Nordischen Kriege blieben viele Orgeln in Estland wegen der allgemeinen Armut lange ungepflegt, sie gerieten deswegen in einen schlechten Zustand. Erst ab Ende des 18. Jahrhunderts gab es nach Besserung der wirtschaftlichen Lage die Möglichkeit, Kirchen und Orgeln zu modernisieren. Als älteste Orgel aus der Zeit nach dem Nordischen Kriege ist die in der Kirche Kihelkonna (auf der Insel Saaremaa/Ösel) erhalten geblieben. Sie hat einen Prospekt in spätem Rokoko - das Werk selbst stammt aus dem Jahre 1805.

In Estland gibt es besonders viele Orgeln aus dem 19. und den Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie wurden hauptsächlich von den Orgelbauern Tanton, Müllverstedt, Kessler und vielen anderen gebaut. Diese waren Ausländer, von denen viele nach dem Aufenthalt dort verblieben. Auch Orgeln von ausländischen Firmen wurden gern von estnischen Kirchengemeinden bestellt. Besonders beliebt waren Orgeln der Firmen "Walcker"/ (Ludwigsburg), "Sauer" (Frankfurt/Oder), "Ladegast" (Weißenfels) und "Knauff' (Coburg-Gotha).
Im vorigen Jahrhundert wurde die Orgelbaukunst in breitesten Volksschichten Estlands und Livlands populär. Viele estnische Handwerker und Bauern beschäftigten sich damit. Diese Entwicklung führte dazu, dass gegen Ende des vorigen Jahrhunderts fast jede größere Familie ihr eigenes Positiv hatte. In Schulen und Bethäusern
gab es gleichfalls ein Positiv oder eine Orgel.
Die Blütezeit des Orgelbaues in Estland fällt in den Anfang des 20. Jahrhunderts und erreicht seinen Höhepunkt in den 30er Jahren. In die Entwicklung dieser Reihe gehört eine Orgel mit 73 Registern von der Firma "Sauer" im Tallinner Dom (1913). Diese hat heute den Ruf, da sie sich im Originalzustand befindet, das beste Instrument der Welt für den Vortrag der Werke Max Regers zu sein. In ihrem ursprünglichen Zustand ist heute auch noch die prächtige Orgel der "Karlskirche" (Kaarli) in Tallinn erhalten. Sie hat 84 Register und wurde 1923 von der Firma "Walcker" gebaut.
Um die Jahrhundertwende sind in Estland zwei eigene "Orgelbauerdynastien" entstanden. Zuerst Vater und Sohn Terkmann. Besonders große Anerkennung wird dem Sohn August Terkmann zuteil. Aus seiner Werksatt stammen viele große Orgeln, darunter einige in Russland (St. Petersburg, Simbirsk und Astrachan). Als zweite Familie wären die Brüder Krüsa (Tannil, Juhan und Jakob) aus Haanja in Süd-Estland zu erwähnen. Sie bauten ebenfalls viele schöne romantische Orgeln, von denen noch heute viele in gutem Zustand sind. Diese Orgeln haben pneumatische Traktur, wie es damals üblich war. Tannil Krüsa hatte drei Söhne, die alle Orgelbauer wurden. Einer von denen, Harry Krüsa, emigrierte nach Nordamerika und war dort als bedeutender Orgelbauer tätig. In der 3. Generation arbeitet Hardo Krüsa (geb. 1940) heute in seiner Werkstatt in Rakvere/Estland.
Mit der Okkupation durch die Sowjets 1940 hört die Geschichte des Orgelbaues in Estland für mehr als vier Jahrzehnte auf. Die Orgel wird als ein "ideologisch falsches" Musikinstrument verachtet.
Wenn man die in Estland hergestellten Orgeln und die bei Walcker, Sauer und Ladegast aus Deutschland bestellten Instrumente zusammenrechnet, erhält man die Gesamtzahl von über 200 Orgeln. Für ein verhältnismäßig kleines Land wie Estland mit 1,5 Millionen Einwohnern ist das relativ viel. So befindet sich in Estland ein geradezu einzigartiges Orgelmuseum, darunter einige richtige Raritäten.
Seit Anfang dieses Jahrhunderts gibt es in Estland viele hochbegabte Organisten-Komponisten mit Diplom des St. Petersburger Konservatoriums. Aus diesem Kreis stammen auch die Initiatoren und Organisatoren neuer Orgeln. Peeter Süda, Rudolf Tobias, Mart Saar, Artur Kapp und Mihkel Lüdig haben viele meisterhafte Konzerte gegeben in Estland wie auch im Ausland. Gespielt wurden eigene Werke westlicher Klassiker sowie immer begeisternde Improvisationen.
Auch die Komponisten der Gegenwart haben Orgelmusik geschrieben. Zu nennen wären hier in erster Linie Edgar Arro (1911-1978), Arvo Pärt (geb. 1935), Igor Garshnek (geb. 1958) und Erkki-Sven Tüür (geb. 1959). Die besten Orgeln Estlands werden seit 1987 durchgängig während des "Tallinner Internationalen Orgelfestivals" der internationalen Orgelelite für Konzerte zur Verfügung gestellt. Dieses Festival ermöglicht es, die historischen und zeitgenössischen Orgeln Estland mit allen ihren Klangmöglichkeiten zu demonstrieren. Das Festival findet alljährlich im August in Tallinn/Estland statt.

ISBN 978-3-87204-408-2

Verschiedene Autoren

Estnische Kirchenorgeln


Bestell-Nr.: eres 2408
inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten.
 
Medien
 
Angebote
 
 
Home | Kontakt | Links | Impressum | AGB | Versand und Kosten | NICHT-EU Versand und Zölle | Zahlungshinweise | Datenschutz
Warenkorb | Konto | Merkzettel
*: inkl. MwSt.,zzgl. Versandkosten.