ARTIKEL 5 / 39
Faszination Musiktherapie
Hommage an Hans-Helmut Decker-Voigt aus Anlass seines 60sten Geburtstages.

Auflistung der Beiträge

Stella Mayr
Einige Umfeldbeschreibungen aus den Anfängen der Musiktherapie in der Wiener Psychiatrie     

Karin Schumacher
Zeitsprünge: 1968 - 1994 - 2004        

Johannes Th. Eschen
Mein Weg in der Musiktherapie und Begegnung mit Hans-Helmut Decker-Voigt   

Georg Rosenthal
"Zwischen den Mainzelmännchen" oder Das Wirken der Kleinen in einer epochalen Entwicklung     

Peter Petersen
Musiktherapeutische Impressionen eines Psychotherapeuten     

Hermann Rauhe
Musiktherapie im Netzwerk - Beglückende Begegnungen     

Almut Seidel
Anfänge oder: Die Schnittflächentheorie       

Isabelle Frohne-Hagemann
Goldgräber und Alchimisten - wie ich das musiktherapeutische Feld erlebte. als ich Musiktherapie kennen lernte   

Paolo J. Knill
Der ritterliche Minnesänger am Bahnhofsbuffet      

Axel Reinhardt
Mein Weg im Osten         

Elena Fitzthum
Musiktherapie im Wien der 70er Jahre - Fragen zur musiktherapeutischen Identität  

Eckhard Weymann
Wasser - Musik - Seele. Variationen über das Fließen     

Intermezzo I

Fritz Hegi
Poem an H.-H. D.-V.         

Dietmut Niedecken
Musiktherapie: Eine widerstrebende Annäherung      

Ernst-Walter Selle
Die Gunst des Ortes und der Zeit        

Ralph Spintge
Der Brückenbauer         

Dorothee Storz
Musiktherapie als Orchideenfach?        

Ulrike Höhmann
Meine Entdeckung der Musiktherapie       

Tonius Timmermann
Eine folgenreiche Begegnung        

Peter Michael Hamel
Kunst IST ja Therapie         

Monika Nöcker-Ribaupierre
Wanderung durch konzentrische Kreise       

Stefan M. Flach
Übergänge ... von etwas zu etwas hin ...       

Intermezzo II: Cheryl Dileo
The White Knight And The Princess With The Magic Eyes     

Eva-Maria Frank-Bleckwedel
Rhythmus - Dynamik - Klang - Form: Skizze zur Entwicklung des musiktherapeutischen Selbstempfindens    

Claudia Senn-Böning
"Pas de Deux": Persönlicher Eindruck und professionelles Handeln   

Nicola Nawe
Als der Musiktherapie ein "STERN" aufging oder: Wie ich an meinen ersten Musiktherapie-Lehrer geriet     

Josef Escher
Zündender Funke - lodernde Flamme      

Eha Rüütel
A Dialogue in Four Acts        

Sabine Sieg
Mein Weg zur Mu-Sieg-Therapie       

Hannes Jahn
Die unvergleichliche Freude an "Do it yourself" oder: Braucht der Mensch die Musik? 

Sabine Mitzlaff / Gitta Strehlow
"Entwicklungshilfe" - das Praxisforschungsprojekt "Musiktherapie für
sexuell missbrauchte Kinder" und unser Weg zur beruflichen Identität   

Vorwort

Faszination Musiktherapie - oder: Wie erlebten Sie das musiktherapeutische Feld. als Sie die Musiktherapie kennen lernten? Und eine kleinere. erwünschte. aber nicht voraus-gesetzte oder als Bedingung gedachte Bezugsetzung: Wie sahen und sehen Sie darin Hans-Helmut Decker-Voigt persönlich und/oder in seiner Arbeit? Die Bezugsetzung zu Person und Arbeit Decker-Voigts kann gern persönlich gehalten werden durch Erinnerungen und Meinungen.

So lautete der Einladungstext an die Autoren und Autorinnen dieses Buches. sich an einer Festschrift für Hans-Helmut Decker-Voigt anlässlich seines 60. Geburtstages zu beteiligen. Die daraufhin eingereichten Manuskripte konnten nicht mannigfaltiger sein. Darstellungen persönlicher Begegnungen. Retrospektiven des eigenen Lebenswegs. fachliche Reflexionen - in diesem Spektrum spiegelt sich eine überaus heterogene Berufsgruppe. ihre Ideengeschichte. ihre Kultur und ein großer Teil ihres Kommunikationsnetzwerks. Nachdenkliches. Philosophisches. Euphorisches. Anekdotisches oder auch metaphorisch Verschlüsseltes - in diesen Facetten spiegelt sich einer ihrer ebenso vielseitigen wie wirkmächtigen Repräsentanten: Hans-Helmut Decker-Voigt. Musiktherapeut. Hochschullehrer. Forscher. Autor und Schriftsteller.

Die einzig mögliche Art und Weise Systematik in diese immense Vielfalt zu bringen und dabei interpretative Eingriffe zu vermeiden. war die chronologische Reihenfolge. Die AutorInnen waren nach ihrem Eintrittsjahr in das musiktherapeutische Feld befragt worden. und daraus ergibt sich nun eine ziemlich eindeutige Abfolge. Obwohl nicht alle AutorInnen der Einladung gefolgt waren. etwas ausführlicher aus genau dieser Zeit zu berichten. markiert das Eintrittsjahr doch die besondere fachliche Herausforderung, der sich der/die betreffende AutorIn gegenübergestellt sah - stets in enger Wechselbeziehung zu den eigenen Lebensabschnitten. Und dies spiegelt sich dann doch zumindest indirekt in vielen Beiträgen in der gewählten Thematik. manchmal nur sehr verborgen oder am Rande. An der Häufigkeit des Entwicklungsthemas oder an den vielfältigen Weg- oder Übergangs-Metaphern lässt sich dies ganz gut erkennen.

Die zeitliche Einordnung mag nun den Eindruck erwecken. als ginge es um so etwas wie die Darstellung einer Generationenfolge der MusiktherapeutInnen. Dies kann. obwohl es eine angemessene Würdigung der Leistungen der musiktherapeutischen Avantgarde wäre (jede Generation hat ihre eigene.....). allein schon aufgrund der Tatsache, dass ja eine ganze Reihe wichtiger FachkollegInnen in Ost- und Westdeutschland mit Beiträgen fehlen. nicht Anliegen dieses Buches sein. Somit habe ich um der political correctness willen einen kleinen Kunstgriff angewandt und Dekaden definiert, die nichts mit Ereignissen in der musiktherapeutischen Fachwelt zu tun haben, sondern die den Lebens-Dekaden des Jubilars angepasst sind:  1965-1974. 1975-1984. 1985-1994. Bedingt durch die Unterschiedlichkeit der Narrationen ergeben sich daraus in das jeweilige Zeitfenster eingebettete Collagen. Dazwischen zwei Intermezzi in Form von explizit poetischen Texten.

Die drei Dekaden lassen vorsichtige Verallgemeinerungen über den Zeitgeist aber auch über die fachlich-persönlichen Entwicklungen von Hans-Helmut Decker-Voigt zu. Die Jahre 1965 bis 1974 - der Jubilar war in seinen Zwanzigern - lassen Aufbruch. Intuition und Experimentierfreude erkennen. vor allem aber Anregungen durch soziale. künstlerisch-musikalische und politische Entwicklungen, die heutzutage schon fast vergessen sind. Umso wichtiger an diese Wurzeln der Musiktherapie in Deutschland erinnert zu werden. 1975-1984 waren von Suchbewegungen nach einer musiktherapeutischen Berufsidentität. von Definitionen und von Strukturbildungen gekennzeichnet. Gleichzeitig gab es noch kreative Freiräume. von denen wir heute manchmal nur noch träumen können. Ab dem Jahr 1985 -  Hans-Helmut Decker-Voigt wurde 40 Jahre - führen die Ergebnisse der jahrelangen Vorarbeiten zu neuen Fragen. weiteren Forschungen. Konsolidierungen. Kompromissen. Vernetzungen aber auch neuen Auseinander-Setzungen. Diese Entwicklungslinie könnte wahrscheinlich auch in der gerade zurück-liegenden Dekade weitergezogen werden - fachliche Fundamentierung in Form von Konsens existiert heute ebenso neben Abgrenzungen wie vielversprechendem aber noch ungesichertem musiktherapeutischem Neuland. Doch fehlt hier der historische Abstand, um diese Zeitspanne noch genauer charakterisieren zu können. Dass aber von der Generation der Kollegen und Kolleginnen, deren Einstiegsjahr in diese Dekade fällt. viel zu erwarten ist. lässt der letzte Beitrag, der einzige, der gemeinschaftlich und quasi dekaden-übergreifend (1988/1996) verfasst wurde. unzweifelhaft erkennen.

Auch wenn der vorliegende Band nicht die Geschichte der Musiktherapie in Deutschland wiedergibt, so wird dennoch in jeder einzelnen Erzählung ein Stück daraus rekonstruiert. Die besondere Herausforderung, der sich die AutorInnen gegenübergestellt sahen. war, dass im Erinnern die Vergangenheit niemals sie selbst bleibt. Sie wird. bedingt durch den in der Zwischenzeit gewonnenen Erfahrungszuwachs. immer auch neu konstruiert und damit überarbeitet. Die Realitäten verschmelzen. Bedeutungen werden manchmal (wieder-)gefunden. überwiegend aber erfunden. Dadurch haftet dem Erzählten zwar ein wenig der Geruch der Vorwissenschaftlichkeit an. aber die Unterscheidung von narrativer. historischer und psychologischer Wahrheit führt freilich zu den zentralen erkenntnistheoretischen Fragen. Mit ihnen beschäftigen wir uns sowohl in der Therapie als auch in der klinischen Forschung unablässig.

 Wichtig ist an dieser Stelle. sich zu vergegenwärtigen, dass in die Erzählungen einerseits die Leser und Leserinnen. andererseits der Jubilar selbst eingebunden sind. Sie partizipieren daran. werden von den AutorInnen identifikatorisch miteinbezogen. Wenn dies zeitversetzt in Form von Mitbewegungen während des Lesens aufgegriffen wird. dann stellt sich ein gemeinschaftlicher Vorstellungsraum ein, der berufliche Identität ermöglicht. interpersonale Übereinstimmung. fachliche Bewertungskonvergenzen und Berufsgruppenkohärenz. Gleichzeitig muss. wie bereits oben erwähnt. eingeräumt werden, dass die Gruppe der AutorInnen nicht repräsentativ für die gesamte Musiktherapie-Landschaft sein kann und auch den Umkreis relevanter Bezugspersonen für Hans-Helmut Decker-Voigt nicht vollständig wiedergibt. Die Reziprozität zwischen AutorInnen und LeserInnen ist somit eingeschränkt. Dies wiederum entspricht dem Berufsalltag von (Musik-)TherapeutInnen, die sich empathisch in fremde Geschichten hineinhören und dabei auf die eigenen emotionalen Reaktionen achten. mögen diese nun eher zustimmend. irritiert. ablehnend oder einfach nur neugierig sein.

Zudem spielt in das Erzählte auch das Verschwiegene hinein. Informationen, die dem Leser/der Leserin vorenthalten werden, dienen zum einen dem Schutz der Privatsphäre des/der ErzählerIn. Zum andern dient das Geheimgehaltene dem Aufrechterhalten von Idealen, die jede Berufsgruppe braucht, um den gemeinsamen Vorstellungsraum errichten und darin kreativ werden zu können.

Ideale und Kreativität nun werden in Zukunft besonders dringend gebraucht. nicht nur um mit knapper werdenden ökonomischen Ressourcen umzugehen, sondern um als Fach zum Wohle der Patienten und Patientinnen bestehen zu bleiben. sich weiterzu-entwickeln und auf andere Disziplinen abstrahlen zu können. Dass dies keine Utopie darstellt. dafür steht jeder einzelne Autor. jede einzelne Autorin. Und selbstverständlich der Jubilar, der ausnahmsweise einmal nicht selbst Autor ist. Oder in gewisser Weise doch?


Susanne Metzner

ISBN 3-87204-436-0 alt
ISBN 978-3-87204-436-5

Metzner, Susanne

Faszination Musiktherapie


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